Mittwoch, 21. September 2016

wenn ein Wald Wurzeln schlägt



Ich war schon vom ersten Teil sehr beeindruckt, aber Rosengrau hat ihn an Schreibstil, Handlung und Fluss noch getoppt. Während in Schneerot ein offensichtlicher Kampf zwischen dem Militär und den ausgebrochenen Jugendlichen herrscht (nicht zu vergessen den ARSCHkalten Wald), müssen sich unsere vier Protagonisten nun gegen sich selbst stellen.
Obwohl Crys, Cam, Ace, Neptune, Shinji und Lynn erfolgreich fliehen konnten und beim Requiem eine Zuflucht gefunden haben, scheint es genau diese so hilfsbereite Organisation aus dem ersten Band zu sein, die ihre eigenen Pläne für sie zu haben scheint.
Der zweite Teil beginnt damit, dass es Shinji und Lynn erlaubt wird, zurück in ihre Heimat zu gehen. Etwas, das sich auch Crys wünschen würde. Da sie die Zeit mit sich selbst oder gemeinsam mit Neptune totschlagen muss, kann sie den Fragen nicht entfliehen, wie es ihren Eltern und ihrer geliebten Schwester Dia geht. Wer hätte gedacht, dass sie das schneller herausfinden würde, als ihr wohl lieb war.
Währenddessen tritt Cameron hart mit seinem Gewissen in den Konflikt, als er Aufträge erfüllen muss, die seine Beziehung zu Crys komplett zerstören könnten. Außerdem ist es nicht gerade förderlich, dass ihm sein Vorgesetzter rät, nichts mehr mit ihr zu tun zu haben.
Selbst der sarkastische, liebevolle Neptune wird festgehalten – da er als Star viel zu bekannt ist, werden ihm seine geliebten blauen Haare genommen und er schafft es gerade, eine Arbeit in einem Plattenladen gegenüber annehmen zu dürfen.
Ace ist Ace.
Also ein zurückgezogener, selbstsüchtiger Egoist, der an seinem gebrochenen Herzen leidet – okay, nein. Ace ist süß und zu zuhören, wie er die Gedanken der anderen hört und ihre persönlichen Eigenschaften mitbekommt, ist für die Geschichte von unbezahlbarem Wert. (Aber mal ehrlich, gegen Neptune hat er einfach keine Chance)
Auch im zweiten Band zeichnen sich die vier verschiedenen Sichtweisen durch eine starke Individualität aus. Was für mich sehr erstaunlich ist, denn ohne den Namen zu lesen, wüsste ich vermutlich sofort, wer das gerade denkt. Ich schätze diese Fähigkeit von Hauer sehr, denn das macht es wahnsinnig leicht, sich in jeden Charakter zu versetzen und zu verstehen, warum er sich auf gewisse Sachen einlässt und warum nicht (rettet Ace eindeutig den Arsch). Im zweiten Teil scheinen die Wendepunkte der Geschichte noch präziser und besser behandelt zu sein. Ich bin froh, dass sich die Autorin Zeit dafür genommen hat, denn der eiskalte Wald ist immer noch hier. Auch wenn man ihn nicht sieht, scheint er in den Tiefen jedes Charakters Wurzeln geschlagen zu haben. Ich hatte gerade vor diesem Konflikt wahnsinnige Angst, da ich es nur zu gut verstehen könnte, wenn man sich in den zig Gefühlen der Charakter verliert und somit ein langatmiges Nachdenken entsteht. Meiner Meinung nach hat Anna Hauer hier genau das richtige Gewicht getroffen.
Worüber ich etwas enttäuscht bin, ist, dass die Fähigkeiten von Crys und Cam eher selten vorkommen. Bei Cam nur verständlich und auf der anderen Seite nur gut, dass er seine schnelle Zellgenerierung nicht braucht. Auch Crys hat eigentlich bis zu einem gewissen Wendepunkt in der Geschichte nicht wirklich die Chance, ihre Kräfte überhaupt gebrauchen zu müssen. Somit löst sich meine Enttäuschung eigentlich schon wieder in Luft auf – ich mag es einfach nur wahnsinnig, dass Crys in die Zukunft sehen kann (was auch am Anfang gleich einmal passiert).
Warum vergebe ich trotzdem nur vier Sterne? Also erstens, wenn ich könnte, wären es 4,5. Zweitens, ich wünsche mir noch Luft nach oben und meistens kracht einem das Ende einer Trilogie doch ziemlich um die Ohren. Erleichtert bin ich außerdem auch, dass der zweite Teil (der in meinen Augen am meisten der Durchhänger einer Trilogie ist) absolute Spannung und eine mitreißende, herzzerreißende Handlung enthält. Es ist kein Durchhänger, sondern die Steigerung des ersten Bands – so, wie es sein sollte.
Außerdem habe ich mich sehr darüber gefreut, dass die zugefügten Chemikalien eine relevante Rolle inne hatten und darüber viel erklärt wurde. Wie sie funktionieren, warum man sie gebraucht hat und wie es diese Substanzen überhaupt schaffen, etwas zu verändern – noch dazu, warum man sie nur an Jugendlichen und nicht an Erwachsenen anwenden kann. Außerdem liebe ich (wie auch schon im ersten Band) die Präzision, mit der Anna Hauer die Ortschaften beschreiben und festlegen kann.
Aber jetzt mal ehrlich, das Ende – wer keine Taschentücher dabei hat, ist selbst Schuld. Da konnte mich nicht einmal mehr ein schwuler Rockstar mit seinem Sarkasmus aufmuntern.

Der zweite Teil ist Anna Hauer auf eine fabelhafte, sehr gefühlsbetonte Art gelungen. Mit einem noch besseren Schreibstil, weiterhin Platz für Poesie und mit noch mehr Fluss und Spannung in der Handlung hat mich auch der zweite Band überzeugt.



Mittwoch, 27. Juli 2016

Mai

Auguste Lechner: Die Nibelungen

Das war eine Qual. Nicht wegen des Schreibstils von Lechner, sondern wegen des Inhalts. Ich hasse die Nibelungen und ich hasse sie nicht, weil ich die Handlung dumm finde, sondern weil ich das Rachemotiv nicht akzeptiere. Und das Nibelungenlied – es könnte die Bibel für jeden rachsüchtigen Menschen sein. Und Gott, die Vorstellungen der Frau.
Ich könnte hier meinen Hass gegenüber allen Personen in diesem Buch verbreiten, aber da ich versuche, positiv zu denken und zu sein, hebe ich die besseren Seiten hervor. Ist es nicht spannend, wie Menschen immer wieder auf die gleichen Motive in einem Roman/Epos kommen? Ich meine, auch Achill war unverwundbar – der Unterschied ist nur, dass Siegfried auf eine äußerst feige Methode getötet wird. Nicht im Krieg, nicht in einer einzelnen Schlacht, sondern beim Jagen durch gemeine Hinterlist. Vielleicht spiegelt das Nibelungenlied genau das: Menschen sprechen immer viel von ihrer Treue und Loyalität, aber wenn einige die Chance sehen, nutzen sie den schwachen Punkt und rammen dir einen Speer zwischen die Schulterblätter, wenn du gerade nicht aufpasst.

Christoph Ransmayr: Die letzte Welt

Ich muss sagen, ich fand es wirklich schwierig zu lesen. Nicht, weil es sonderlich lang, kompliziert oder langweilig ist, sondern weil im jeden Satz von Ransmayr eine eigene Welt zu stecken scheint. Es ist, als würde man einen Maler dabei beobachten, wie er einzelne Striche zu einem riesigen Kunstwerk setzt. Aber nur, wenn man die einzelnen Striche erkennt, versteht man das Gesamtwerk. Und das fand ich persönlich sehr schwer.
Ransmayr hat einen Schreibstil zum Niederknien. Als ich angefangen habe, es zu lesen, hielt ich vor Aufregung die Luft an. Er ist überwältigend.
Die letzte Welt erzählt vom jungen Cotta, welcher sich nach Tomi begibt, um den Dichter Naso zu finden. Tomi ist eine sehr seltsame Stadt mit außergewöhnlichen Bewohnern. Immer wieder stößt Cotta auf Spuren, die letztlich seinen Verdacht nur bestätigen, dass Naso (Ovid) im Verbannungsort verstorben ist. Der springende Punkt in diesen fünfzehn Kapiteln sind die Verwandlungen, die sich zum Teil sehr stark an die Metamorphosen lehnen.
Das Buch ist unfassbar, düster und überwältigend. Ich habe es zum größten Teil – bestimmt – nicht verstanden, aber ich kann es euch ans Herz legen. Jeder versteht Bücher, wie er sie auffasst – und das ist auch gut so, finde ich.

Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers

Wer von euch fand diesen Briefroman schrecklich und hätte seine Lehrperson dafür am liebsten durch das Fegefeuer geschickt?
Werther teilt seinem Freund Wilhelm in Briefen seine persönlichen Gedanken mit. Er berichtet ihm, wie er sich in die hübsche Lotte verliebt, dass er das politische System hasst, dass er mit Selbstmord sympathisiert und dass er sonst wohl an der Verlobung Lottes mit Albert zerbrechen würde.
Ich zähle nicht zu diesen Menschen, die ihren Lehrer deswegen hassen. Ich finde Goethes Leiden nicht überzogen, nicht zu kitschig und erst Recht nicht zu dramatisch. Doch ich denke, ich kann es nachvollziehen, warum manche Menschen so denken.
Dieses Buch hat es geschafft, auch beim zweiten Mal Lesen, mein Leben zu beeinflussen. Ich war sechzehn, als ich es das erste Mal lesen musste und ich war überwältig von Gefühlen und dem Verständnis, das mir Werther entgegen brachte. So ist das vermutlich, wenn man zu diesem Zeitpunkt selbst schwer verliebt ist und man alles nur zum Kotzen findet. Er sprach mir aus der Seele.
Und auch jetzt, beim zweiten Mal Lesen, fühle ich mich getröstet, obwohl es mir gut geht. Werther fühlt sich an wie Zuhause und wenn man älter wird, findet man es vielleicht ein bisschen überzogen und nervig, aber es bleibt Zuhause.

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

Nathan der Weise ist ein Drama, geschrieben im Blankvers. Das bedeutet, es ist wie ein Gedicht in Versen aufgebaut, jedoch ungereimt. Die Geschichte hat viele verschiedene Handlungen, die letztlich ineinander laufen. Es beginnt mit der jungen Recha, welche von einem Tempelherr gerettet wurde und sich in ihn verliebt hat. Dieser zeigt jedoch wenig Interesse an einem „Judenmädchen“. Als ihr Vater Nathan zurückkehrt, bedankt sich dieser beim Tempelherren und versucht, ihn von seiner Tochter zu überzeugen. Gleichzeitig hat der Sultan große Geldprobleme und möchte etwas von Nathan „leihen“, da er gehört hat, dass dieser sehr reich ist. Er möchte ihn nicht darum bitten, sondern versucht, ihn mit einer Frage in die Enge zu zwängen. Dieser Teil der Geschichte ist auch unter dem Namen „Ringparabel“ bekannt.
Ich habe es zum zweiten Mal gelesen, es lag dieses Mal nur ein Jahr dazwischen, aber ich fand es so viel besser. Es gab viel mehr Aspekte, die mir aufgefallen sind und die ich spannend zu beobachten fand. Obwohl Sittah als das intellektuelle Frauenbild gilt – im Vergleich zu Recha und Daja – denke ich trotzdem, dass sie zumindest eine Meinung vertritt, die mehr mit Vorurteilen, als mit klugem Hinterfragen zu tun hat. Und das wäre ihr Bild über das Christentum. Generell fand ich persönlich, dass Frauen nicht ganz so gut hinwegkamen, wie sie in einem aufgeklärten Stücken hätten können. Aber das wäre vermutlich auch zu viel verlangt.
Der Sultan fragt Nathan, welche der drei monotheistischen Religionen denn nun die einzige wahre ist.
Und, was hättet ihr geantwortet?

Hermann Kesten (Hrsg.): Deutsche Literatur im Exil


Das Buch fiel mir in die Hände – ich verspreche es!
Hermann Kesten, ein deutscher Autor und Verleger, floh 1933 ins Exil. Ungefähr vierzig Jahre später veröffentlichte er eine Briefsammlung und berichtet in der von ihm geschriebenen Einleitung, dass ihm nicht alle erhalten geblieben waren und dass er andere nicht veröffentlicht, um deren Namen nicht zu schaden. Auch hat er einige Teile entfernt, wenn es um das Urteil gegenüber einer anderen Person ging – vor allem, wenn sie eine Nazi-Vergangenheit aufzuweisen hatte.
Die Briefe sind unfassbar.
Es war seltsam, weil ich mir immer wieder in den Kopf rufen musste, dass das echte Briefe sind. Schlimm wurde es vor allem dann, wenn die Menschen 1940 darauf hoffen, dass der Krieg nächstes Jahr vorbei ist. Und du als Leser/in genau weißt, wie lange dieser Krieg aber noch dauern wird.
Schriftsteller und Schriftstellerinnen starben, weil sie im Exil keinen Anschluss fanden. Weil sie die dort vorherrschende Sprache nicht sprechen, erst recht nicht darin schreiben konnten und weil sich Deutsch nicht verkaufte. Zumindest nicht, wenn man nicht bereits berühmt war. Selbst Stefan Zweig und Thomas Mann machten nicht gerade den Eindruck, als müssten sie nur mit dem Finger schnippen.
Und dann lese ich davon, dass Menschen keine Zuflucht bekommen, weil man Angst vor ihnen hat. Die Schweiz wollte nicht jedem Autor Zuflucht bieten, da sie Angst hatte, damit die heimischen Autoren in den Ruin zu treiben, da sie ja von einem Zweig oder Döblin verdrängt hätten werden können. Deswegen bietet man einem Autor – einem politisch verfolgten Autor – keine Zufluchtsstätte an.
Aber was ich mir gar nicht vorstellen konnte, wobei mir immer noch schlecht wird, wo ich auch froh bin, es mir nicht vorstellen zu können, sind die Freunde und die Familienmitglieder, die einfach verschwinden. Du kriegst keine Antwort mehr und weißt auch nicht, ob du je wieder mit einer rechnen kannst. Dann hörst du von jemand anderem, dass die vermisste Person Selbstmord begangen hat. Oder dass ihn die Nazis geholt haben – kann man sich das überhaupt vorstellen, ohne in dieser Zeit gelebt zu haben? Ich weiß es nicht. Aber ich bin froh, dass ich es nicht kann. Und hoffentlich nie muss.
Was denkt ihr dazu, dass man politisch verfolgten Persönlichkeiten keine Zuflucht anbieten möchte?

Mittwoch, 13. Juli 2016

Zeit ist nur eine Zahl|Aprilrückblick

Und ich trage die Verspätung mit Würde, versprochen.


Marlene Haushofer: Die Wand
Das Ende kam viel zu schnell, es war viel zu rasant, um es verarbeiten zu können, aber es freut mich, dass sie dem Leben letztlich sehr hoffnungsvoll entgegen blickte.
Aber mal ehrlich – war es wirklich eine Wand oder eine Kuppel? Wäre es eine Kuppel, wie hätte es dann regnen können? Wäre es eine Wand, warum blieb sie dann verschont?
Die Protagonistin ist gefangen in einer Jagdhütte. Zuerst hat sie ihren Hund Luchs, später gesellen sich eine Katze und die Kuh Bella hinzu. Sie hat das Glück, dass Bella ein Kalb erwartet und daher viel Milch gibt. Und wenn ihr jetzt einen dramatischen Plot erwartet, muss ich euch enttäuschen. Die namenlose Protagonistin lebt allein mit ihren Tieren in einer Jagdhütte. Lasst euch davon nicht abschrecken, Die Wand ist dennoch ein sehr spannender Roman. Haushofer beeindruckte mich mit ihrer Sprache, trotz einiger langatmiger Momente. Ich glaube, dass diese vielgelesene Pflichtlektüre viel mit einer Sache der Einstellung und Vorstellung zu tun hat. Natürlich könnte man behaupten, er ist langweilig, weil es um eine Frau geht, die alleine mit drei Tieren in der Wildnis festsitzt und nicht einmal verrückt wird. Aber wenn man den Gedanken der Protagonistin Beachtung schenkt, wenn man daran denkt, dass es sich hier um eine Frau alleine – vielleicht ganz alleine auf der ganzen Welt – handelt, dann ist genau das der passende Moment, um mit dem Denken anzufangen. Ich finde, dass sich die Wand fabelhaft dazu eignet, um selbstständig zu denken zu beginnen (ja, hier spricht die zukünftige Lehrperson aus mir), aber es wird euch nicht so schnell wieder ein Werk in die Hände fallen, dass nicht nur spannend, sprachlich hervorragend und LEICHT zu verstehen ist. Außerdem gibt es tausend Möglichkeiten, dieses Werk zu interpretieren. Es ist einfach in jeder Hinsicht großartig.

Cassandra Clare: City of Heavenly Fire
Tja. Da liest man die englische Version – heult. Da liest man die deutsche Version, weiß, was passieren wird, heult trotzdem.
Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr beeindruckt davon bin, wie genial die deutsche Übersetzung ist – auch, wenn einige Witze oder Anspielungen im Englischen viel besser rüberkommen. („Mark, mark me!“)
City of Heavenly Fire ist das große Finale von Jace und Clary. Sebastian konnte eine perfekte Kopie des Kelchs der Engel erstellen und somit seine eigene, finstere Schattenjägerarmee erschaffen. Jace und Clary können immer noch nicht miteinander schlafen, da Jaces Körper vom heiligen Feuer erfüllt ist und die Gefahr besteht, dass er alles um sich herum verbrennt. Aber vertraut mir, das Warten von fünf Teilen hat sich gelohnt. Und Taschentücher bereithalten. (Haha, diese Zweideutigkeiten überall.)
Aber mal ehrlich – was ich so sehr an Cassandras Geschichten mag, ist, dass sie sich über den Verlauf Gedanken macht und plötzlich alles einen Sinn ergibt. Ich mag es, dass am Ende ein paar kleine Fragen offen bleiben, die einen dazu motivieren, sich selber Vorstellungen auszumalen und gebannt auf Fortsetzungen zu warten. Ich weiß, dass Cassandra Clare für viele in keinem guten Licht mehr steht wegen der ständigen Plagiatsvorwürfe. Aber ich könnte und wollte einfach nicht auf den unglaublichen Witz der Charaktere, ihre Detailtreue und diese unglaubliche Liebe verzichten. Und Magnus Bane. Magnus Bane ist mein absoluter Held.


Kerstin Gier: Smaragdgrün
Oh mein Gott. Wer hätte gedacht, dass das Finale von Gwen und Gideon so spannend sein könnte? Ehrlich gesagt, ich habe damit gerechnet, dass ich es schnell lesen werde – vor allem, da ich auch endlich wissen wollte, von welchem Geheimnis eine meiner Freundinnen seit Filmbeginn spricht. Ich glaube, ich war eine sehr unaufmerksame Leserin – hätte man auf das Ende kommen können? Ich meine, letztlich blieb doch eigentlich kein anderer übrig. Aber am Ende ist man – bekanntlich – immer klüger.
Kerstin Gier überzeugte mich – wie immer – mit einem sehr flüssigen Schreibstil und einer sehr fabelhaften, angepassten Jugendsprache. Nur stellenweise musste ich mich immer wieder fragen, ob die Edelstein-Trilogie zu stark von Dialogen getragen wird, was mich aber nicht stört. Ich könnte Gwen und Gideon ewig zuhören.

Dienstag, 17. Mai 2016

Die verwirrte Generation


Seit der Spiegelgeschichte bin ich wahnsinnig von Ilse Aichinger beeindruckt. Es gibt Schriftsteller und Schreiberinnen, die mich nach ein paar Worten so fesseln, dass ich einfach alles über sie wissen MUSS. Es ist fast wie ein Rausch und ein bisschen eine Sucht - ich möchte wissen, welche Person hinter diesen Worten steckt und mich so berührt oder erschüttert hat. Ich möchte herausfinden, was für ein Mensch sie ist.
Bei Aichinger hatte ich Glück, dass es ein paar Interviews gibt. Vielleicht war es aber auch Pech. Ich wurde von Faszination und Trauer überschlagen und als ich das erste Mal über sie "forschte" (da war ich siebzehn), konnte ich ihre Worte nicht so gut verstehen wie heute vielleicht schon. Beeindruckt war ich immer davon. Und ein wenig verletzt, dass sie eigentlich nie eine Schriftstellerin sein wollte, sondern immer nur Ärztin. Mit dem Studieren musste sie zur Zeit des Nationalsozialismus aufhören, denn sie versteckte ihre jüdische Mutter bei sich in der Wohnung - gegenüber vom GESTAPO-Hauptgebäude in Wien. Sie musste dabei zusehen, wie ihre Großmutter mitgenommen wurde. Nicht mehr zurückkam. In einem Interview erzählt sie, dass ihr niemand so viel bedeutet habe wie ihre Großmutter. Und dass, solange Krieg herrschte, man darauf hoffen konnte, dass geliebte Menschen zurückkommen. Nach dem Krieg verblasse diese Hoffnung immer mehr.


"Der Krieg war meine glücklichste Zeit. Der Krieg war hilfreich für mich. Was ich da mitangesehen habe, war für mich das Wichtigste im Leben. Die Kriegszeit war voller Hoffnung. Man wußte sehr genau, wo Freunde waren und wo nicht, was man in Wien heute nicht mehr weiß. Der Krieg hat die Dinge geklärt." - Iris Radisch: Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEITgespräch mit der österreichischen Schriftstellerin, in: Die Zeit Online (November/1996), Link zum Artikel

Bestürzend empfand ich zuerst, als es hieß, dass die heutige Jugend nichts hätte, worüber sie schreiben könne. Andererseits denke ich mir jetzt, dass sie in gewisser Weise Recht hat.
 Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt, Aichinger war im Jahr 1941 (also mitten im Zweiten Weltkrieg) so alt. Wenn der Krieg an deine Tür klopft, was für Probleme hat man dann überhaupt noch? Zumindest von denen, die wir heute haben. Ich bin im Frieden aufgewachsen - ich kenne es gar nicht anders und mache mir Sorgen um Prüfungen, um die Zukunft und was einmal aus mir wird. Ich muss nicht in ständiger Angst leben, morgen meine ganze Familie durch eine Bombe zu verlieren oder durch den Einmarsch von feindlichen Soldaten. Ich muss mir auch keine Sorgen darum machen, dass jemand verschwindet. Gleichzeitig fressen mich am Tag gefühlte hundert Reportagen auf, die darüber berichten, dass Kinder hungern, durch Mienen geschickt werden, in den Krieg ziehen müssen, dass sie einfach sterben, weil man sie nicht versorgen konnte. Wenn in einem Land die Meinungsfreiheit massakriert wird, wenn bekannte Menschen dort verschwinden, jagt es mir kalte Schauder über den Rücken. Es gibt eine handvoll Menschen in meinem Umkreis, die keine Nachrichten mehr schauen - weil sie zu negativ sind, weil sie zu unglücklich machen und weil es eben zu viele Nachrichten sind. Denen meistens die Genauigkeit fehlt, weil man versucht, so viele Nachrichten wie möglich in eine Sendung zu bringen und mit anderen mithalten zu können. Ich denke, genau das ist es, was meine Generation zu einer verwirrten Generation macht. Durch die täglichen Medien fließen so viele Informationen in einen, dass man doch gar nicht wissen kann, über welches Problem man schreiben soll. Aber macht uns dieser Aspekt nicht auch vielfältig? Ich denke, es ist schwer, über so viele Probleme den Überblick zu wahren und dementsprechend einen tiefsinnigen Text zu schreiben. Aber bringt das dann nicht eine Vielzahl an verschieden gebildeten Schreibern und Schriftstellerinnen mit sich? Oder sollte man sich immer auf ein Thema spezialisieren? Dementsprechend freue ich mich schon auf Liesmanns Theorie der Unbildung (Was ist heutzutage noch Allgemeinbildung?)
Was denkt ihr über die Schreiber und Schriftstellerinnen der heutigen Generation? Sind wir eine verwirrte Generation, die durch den Einfluss der Medien nicht weiß, was sie schreiben soll oder ist Aichingers Blick zu hart? Wer sind wir?

Donnerstag, 5. Mai 2016

"Man soll v o m  L e b e n  s c h e i d e n, wie Odysseus von Nausikaa schied. Mehr segnend, als verliebt." - Nietzsche 
 

Samstag, 23. April 2016

MÄRZDRAMA

Was soll ich sagen? Spät, aber doch!

Meg Rosoff: So lebe ich jetzt
Falls es jemand ganz genau wissen möchte, wäre hier sogar eine Rezension.
Daisy entscheidet sich dazu, von ihrem Vater und seiner schwangeren Freundin Abstand zu nehmen und fliegt daher nach England zu ihrer Tante. Diese hat immer ziemlich viel zu tun und als sie nach Oslo reist, um eine Rede für den Frieden zu halten, bleibt Daisy bei ihren Cousins und ihrer Cousine zurück. Allen voran Edmond scheint es ihr wahnsinnig angetan zu haben, was auf Gegenseitigkeit beruht. Doch die zwei werden durch einen Krieg getrennt und nun muss Daisy alles daran setzen, mit ihrer kleinen Cousine Piper zurück zu Edmond zu finden.
Klingt jetzt vermutlich mehr nach einer Liebesgeschichte, als es in Wirklichkeit ist. Aber mir fehlen die Worte, wenn ich daran denke, was Daisy auf ihrer Rückreise alles widerfährt und die Geschichte letztlich endet. Rosoff begeistert mit einem außergewöhnlichen und auch gewöhnungsbedürftigen Schreibstil, der durch Einzigartigkeit glänzt. Wie auch durch den Verlauf der Handlung und ihre Art, Figuren zu charakterisieren und dem Leser nahe zu bringen. Sie hats echt drauf und ich bin froh, dem Buch eine Chance gegeben zu haben.

Ernst H. Gombrich: Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser
So, Leute. Ich kann dieses Buch jeden Geschichtehasser und jeden Geschichteliebhaber wärmstens empfehlen. Erstere werden sich an der Genauigkeit und den gekonnten Erklärungen von Gombrich erfreuen, zweitere an dieser gewaltigen Komplexität, die so kurz und prägnant verfasst wurde. Endlich sind mir die Perserkriege nicht nur ein Begriff, geschweige denn, wie es zu Hinduismus und Buddhismus kam. Gombrich schreibt unfassbar spannend und ich liebe es einfach, wie er die größten Probleme der Weltgeschichte in kleine, verständliche Absätze packen kann.

Simone Elkeles: Herz verloren
Vic Salazar ist total in Monica verschossen - die mit seinem besten Freund Trey zusammen ist. Nicht nur damit hat Vic zu kämpfen: seine Noten sind im Keller, sein Vater will unbedingt einen perfekten Sohn und dann muss er noch auf seine zwei Schwestern aufpassen, die in seinem letzten Jahr mit der Highschool beginnen.
Elkeles war schon immer sehr dramatisch, aber ich mag ihre Art, wie sie sich in Jugendliche hineinversetzen kann und dadurch effiziente, witzige und NACHVOLLZIEHBARE Dialoge entstehen. (Brigitte Blobel könnte von ihr eine Menge lernen) "Herz verloren" ist jedoch etwas extrem - sie hätte sich leicht hundert Seiten sparen und gleich auf den Punkt kommen können. Ich meine, ich sehe jede Trauerphase absolut ein und vermutlich bin ich einfach unsensibel, aber es war zäh. Wenn man jedoch auf langes Herumreißen und Kriegen sie sich jetzt endlich?! steht, dann ist das Buch vermutlich perfekt.


Megan McCafferty: Erste Male (Jessica-Darling-Serie)
what the fuck.
seriously.
Jessica Darlings beste Freundin Hope zieht aus ihrer Heimatstadt weg und nun muss die äußerst starke Läuferin alleine bei drei Freundinnen, die sie alle nicht mag und für oberflächlich hält, und ihren Eltern zurückbleiben, die ihrer Meinung nach lieber einen Sohn gehabt hätten. Und es wird noch besser, als ausgerechnet der Junkie Marcus Flutie sich für sie interessiert.
Ich war, denke ich, fünfzehn, als ich mir das Buch gekauft habe und ich bereue es sehr, dass ich es damals nach der ersten Seite wieder ins Regal geschoben und verstauben lassen habe. Es hätte perfekt zu mir gepasst. Zu dem Mädchen, das alle anderen als Zicken und Tussis abstempelte, sobald man ihre Züge wegen zu vielen Make-Up nicht mehr gesehen hat. Das Mädchen, das glaubte, als Einzige die Welt zu verstehen. Unter den Jugendlichen in seiner Generation. Jessica und mein fünfzehnjähriges Ich hätten sich gut verstanden und ich glaube fast, dass Jess und ich mit diesem Denken nicht die einzigen sind. Denn man ist selten allein. Es hat sich wieder mal gezeigt, dass ich den Protagonisten zu sehr vertraue, vor allem dann, wenn sie so stark von sich selbst und ihrer Meinung überzeugt sind. Ich habe ihr wieder mal geglaubt und am wenigsten bei ihren drei "engen" Freundinnen hinterfragt, wieviel unter der Oberfläche stecken könnte. Ich fand die Geschichte wirklich großartig, zwar zog sie sich am Anfang ein wenig, aber ab der Mitte bekommt sie richtig ihren Lauf und ich muss sagen, dass ich die Geschichte sehr gern gelesen haben.


Sonntag, 10. April 2016

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet. - Nietzsche

                                                                       KEVIN BROOKS

*Geboren am 30.März 1959 in Pinhoe (England).

Als ich mein erstes Buch von Kevin Brooks las, war ich fünfzehn. Genauso alt wie der Protagonist Moo aus „Kissing the rain“. Aktuell das letzte Buch, was ich von Brooks gelesen habe. Generell ist bei ihm immer damit zu rechnen, dass etwas passiert, womit man nicht rechnet. Außerdem kommen bei seinen Büchern immer seltsame Gedanken auf. Sie stellen meine eigenen komplett auf den Kopf und lassen mich jedes Mal dankbar sein, nicht in der gleichen Position wie der Protagonist oder die Protagonistin zu sein. Das hängt damit zusammen, dass sie Entscheidungen zu treffen haben, die mich vermutlich zerstören würden oder in eine Situation geraten, die einfach unglaublich verstörend ist.

Brooks erledigt eine sehr authentische Arbeit, ich bin wirklich fasziniert und beeindruckt.
Er ist für mich ein besonderer, für manche vielleicht gewöhnungsbedürftiger Autor, denn sein Schreibstil hat was – wie soll ich sagen – er schreibt, wie Menschen denken. Ich habe immer das Gefühl, sein Protagonist zu sein, ihn aufzunehmen und wirklich DIE Hauptperson zu sein.

Brooks verwirrt mich immer, Gut und Böse scheint es in seiner Welt nicht zu geben, man könnte sie nicht kategorisieren. Die Grenzen verschwimmen und ich liebe das, denn das Leben ist doch genau so, oder? Niemand ist nur gut oder nur böse. Ein Geschehnis hat immer mehr Seiten und mehr Auswirkungen als nur eine. Daher sind Brooks' Bücher Lebensausschnitte. Vielleicht drehe ich grad ein bisschen am Rad, aber das ist die perfekte Beschreibung für seine Bücher. Du hast den kurzen Einblick in ein Leben, das irgendwo anfängt und irgendwann wieder aufhört, du darfst nur einen kleinen Ausschnitt dieses Lebens sehen.

Kevin Brooks fühlte sich in der Privatschule den Schüler und Schülerinnen der „reichen“ Familien gegenüber fremd und flüchtete sich bereits sehr früh in ausgedachte Geschichten. Ich muss sagen, das wundert mich nicht gerade, denn alle Charaktere, die ich bis jetzt kennenlernen durfte („Killing God“, „Candy“, „Lucas“,„Martyn Pig“, „The Road of the Dead“, „Get Naked“ und „Kissing the rain“), waren Außenseiter oder fühlten sich in ihrer Umgebung nicht wohl. In vielen Fällen ist die Hauptperson ein Außenseiter oder trifft auf einen Außenseiter. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich so begeistert war als Fünfzehnjährige. Und weil Dawn Gott töten wollte. (Ich liebe diesen Gedanken immer noch)

Ich glaube, dass sein Philosophie-Psychologie-Studium einen großen Einfluss auf seine Geschichten hat. Das erkennt man an den verschwommenen Grenzen von Gut und Böse, die Konfrontation mit Dilemmata und die Bedeutung von Gott oder wahrer Moral. Darf ich jemanden töten, nur weil er mich töten wird? Außerdem ist es extrem spannend, dass Brooks mit der Entstehung des Punks in London aufgewachsen zu sein scheint oder zumindest einiges damit zu tun hat. In seinen Biographien ist aufzufinden, dass er in mehreren Bands war und Songtexte geschrieben hat und allein das Werk „Get Naked“ scheint seine Erfahrungen zu bestätigen. Er war immerhin gute zwanzig als der Punkrock bestand – ich meine, wie genial ist es, die Entstehung der Sex Pistols mitzuerleben?

Außerdem frage ich mich, was für eine Beziehung er zu seinen Eltern hat bzw. hatte. Wenn ich Wikipedia glauben darf, ist sein Vater bereits mit zwanzig Jahren gestorben. Warum mich das interessiert? In vier der sieben Bücher, die ich gelesen habe, hatte einer der Elternteil ein Alkoholproblem, während der andere meist verschwunden oder schon verstorben war. Ich meine, vielleicht mag Brooks dieses Merkmal einfach, aber interessieren würde es mich trotzdem brennend. (Obwohl mir klar ist, dass Brooks in der Öffentlichkeit vermutlich nicht darüber sprechen wird – was ich verstehe) Wenn ich Brooks jemals treffen sollte, tut er mir jetzt schon Leid bei den tausend Fragen, die ich an ihn habe. Ich hoffe, irgendwann habe ich die Chance, ihn kennenzulernen.


Was denkt ihr über die Gemeinsamkeiten von Büchern und Autoren? Ich meine, ich weiß, dass mich jeder Germanistikprofessor zerreißen würde, sobald ich sage, der Autor ist der Protagonist. Aber was denkt ihr von der Beziehung zwischen Buch und Autor? 


Mittwoch, 23. März 2016

So denke ich jetzt.

»Mich beeindruckte, wie leicht es anscheinend war, ein ganzes Land ins Chaos zu stürzen, indem man Gift in einen Teil der Wasservorräte kippt und dafür sorgt, dass es weder Strom noch Telefonverbindungen gibt und in einzelnen Tunneln und Regierungsgebäuden und Flughäfen ein paar große Bomben hochgehen lässt.« - Rosoff, Meg: So lebe ich jetzt. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, 2012, S.95.

Meg Rosoff (*1956 Boston) scheint in Großbritannien für einigen Zündstoff und gespaltene Meinungen zu sorgen. Als ich mit „So lebe ich jetzt“ begann und mir die Kritiken dazu durchlas, konnte ich nur staunen, wie unterschiedlich diese sind. Von einem bis zu fünf Sternen ist alles dabei. Es scheint so, als wäre man entweder komplett beeindruckt oder fragt sich, wie man mit so einem Buch die Zeit verschwenden konnte. Was mich ehrlich gesagt ziemlich freut, denn Literatur sollte immer mehr sein, als nur gut oder schlecht.

 „So lebe ich jetzt“ erzählt von einem vierzehnjährigen Mädchen, welches zu ihrer Tante und ihren Cousins/ihrer Cousine auf das Land zieht. Daisy möchte nicht länger bei ihren Vater und seiner neuen Frau in den Vereinigten Staaten leben, da sie ein Baby erwarten. Außerdem scheint die Stiefmutter alle Märchenklischees zu erfüllen. Auf der Farm erfährt sie endlich mehr über ihre verstorbene Mutter und kommt dabei auch ihrem Cousin Edmond sehr nahe. Von den vielen terroristischen Anschlägen in London lassen sie sich nicht stören, ihre Tante jedoch macht sich nach Oslo auf, um dort eine Rede gegen den Krieg zu halten. Doch der Krieg bricht aus. Niemand darf mehr ein- oder wegfliegen. Daisy sitzt bei ihren Cousins und ihrer Cousine fest und genießt es anfangs, keine Erwachsenen um sich zu haben – bis sie von Edmond getrennt wird.

Rosoff besitzt einen sehr interessanten, außergewöhnlichen Schreibstil. Ich habe die deutsche Übersetzung von Brigitte Jakobeit gelesen und werde versuchen, beim nächsten Mal eine englische Fassung zu bekommen. Ungewöhnlich ist, dass es keine direkte Rede gibt und manche Wörter einfach großgeschrieben sind, um sie vermutlich hervorzuheben. 

»Ich wollte interessiert wirken und fragte Wie schlimm und wo? und er sagte In Pittsburgh, Detroit und Houston, allerdings sprach er es Hus-ton aus.« (S.41)

Anfangs war das ziemlich anstrengend und ich musste einiges öfter lesen, um es wirklich zu verstehen. Letztlich finde ich, dass dieser Stil perfekt zur Protagonistin passt und der Roman somit noch mehr zu Daisys Geschichte wird – sie wiederholt die Sätze in ihrem Kopf, es ist, als würde man die ganze Zeit nur ihre Gedanken lesen.

Meg Rosoff schien bei der letzten Leipziger Buchmesse großes Gehör zu gewinnen, denn zu der Autorin kam ich durch das Literaturhaus Salzburg. Sie wurde mir wärmstens empfohlen (sie hat den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen) und ich muss sagen, dass ich mich nach den ersten siebzig Seiten einfach gerne eingegraben hätte. Der Schreibstil war anstrengend, manchmal zu lang, manchmal zu abgehackt und oft ungenau. Das ändert sich. Der Schreibstil war auf einmal nicht nur mein bester Freund, sondern ich stellte auch den Verdacht auf, dass der Schreibstil exakt Daisys Persönlichkeit widerspiegelt. Sie ist magersüchtig, hatte mehrere Psychologen hinter sich und ist genervt. Ihre Ignoranz gewissen Verläufen gegenüber kommt – meiner Meinung nach – dadurch rüber, dass es in der ganzen Geschichte einfach KEINE DIREKTE REDE gibt. Ja, das beeindruckt mich einfach sehr. Daisy störte mich anfangs so sehr und entwickelte sich im Laufe des Buches zu einem Anker, sogar zu einer sehr sympathischen Buchfigur. Ich war froh, nur das Nötigste zu erfahren, obwohl ich mir damit alles noch viel schlimmer vorstellen konnte. Daisy, aber auch Ellen aus „Die größere Hoffnung“ stellen sich den Krieg so vor, wie ich glaube, dass es der Wirklichkeit entspricht. Bei Ellen ist es nicht verwunderlich – die Autorin (Ilse Aichinger) war tatsächlich im Krieg und musste ihre Mutter vor den Nazis verstecken. Rosoff hingegen hat keinen Krieg in ihrem eigenen Land erlebt (auch, wenn sie mit dem Jahrgang 1956 für mich ein Kind der Nachkriegsgeneration ist). 
Daisy erzählt zwar dauerhaft, was gerade passiert, aber sie lässt einige Details aus und genau so stelle ich es mir vor – dass man den Krieg zwar wahrnimmt, aber dauerhaft alles verdrängt, überleben will und nur die Geschehnisse, vor denen man sich nicht verstecken kann, tatsächlich in Erinnerung bleiben. 

Ich weiß, dass ich „So lebe ich jetzt“ großartig finde und ich glaube, wenn mehr Jugendliche diesen Roman lesen würden, wären sie sich vielleicht anderen Prioritäten mehr bewusst. Wie essbare Pflanzen aussehen. Wie man zu Wasser kommt. Wie einem einfach KLAR wird, dass ein Handy einem im Krieg nicht das Überleben sichert. Das ist das Unfassbare an der Geschichte, Daisy hätte ohne ihrer Cousine Piper nie überlebt. Da diese seit ihrer Kindheit auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und immer mitgearbeitet hat, wusste sie ziemlich genau über Pflanzen, Kartoffeln usw. bescheid. Ehrlich gesagt, ich würde in der freien Wildbahn vermutlich keinen Tag überleben. Oder ohne Strom.
Dieser Roman, obwohl er schon zwölf Jahre alt ist, greift perfekt die Geschehnisse und Probleme unserer Zeit auf. Ich kann ihn nur empfehlen, er ist großartig und nichts für schwache Nerven. 

Was denkt ihr dazu? Glaubt ihr, man sollte in Schulen/Kursen lernen, wie man sich selbst im Notfall versorgt? Habt ihr euch schon mal vorgestellt, was wäre, wenn Krieg ausbricht?
Würde mich freuen, an euren Gedanken teilhaben zu dürfen ;)

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MEG ROSOFF wurde 1956 in Bosten/Massachusetts geboren. Sie erhielt für ihr Werk "Was wäre wenn" den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie "Jugendbuch" 2008. Ihr Buch "Oh. Mein. Gott." sorgte für viel Aufregung in Großbritannien, so wurde sie zu zwei Literaturveranstaltungen eingeladen - aber kurz davor meist wieder ausgeladen. 
How I live now wurde übrigens verfilmt.


 Preise für SO LEBE ICH JETZT/HOW I LIVE NOW:

Guardian Award 2004
Michael L. Printz Award 2005
Branford Boase Award 2005
Luchs des Monats November 2005
Luchs des Jahres 2005
Eule des Monats November 2005
Buch des Monats des Instituts für Jugendliteratur September 2005Dreimal auf einer Shortlist
Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006












Sonntag, 20. März 2016

FEBRUAR 2016


»Ich habe etwas Furchtbares erlebt«, sagte er, »und werde mich nie wieder davon erholen. Es ist nur noch eine Frage von Wochen. Das Leben war schön und ich habe es geliebt – ja, ich habe es geliebt. Doch manchmal denke ich, wenn wir alles wüßten, müßten wir eigentlich froh sein, es zu verlassen.«
 - Stevenson, Robert Louis: Der seltsame Fall von Dr. Jekyll & Mr. Hyde. Aus dem Englischen von Grete Rambach. Frankfurt a. M. u. Leipzig: insel, 2001.
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Ich hatte eine ziemlich ungewollte, doofe Lesepause, da ich einiges für die Universität gemacht habe und viel unterwegs war. Dafür haben es die drei Bücher, die ich im Februar gelesen habe, wirklich drauf. Sie sind großartig! Und ich kann euch alle drei empfehlen, denn sie werden euch nicht nur auf den Kopf stellen, sondern auch euer Herz berühren.

Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung (größere Zusammenfassung und Rezension in Planung)

Ellen wird von ihrer Mutter verlassen, weil sie als Jüdin ausreisen muss und das Glück hatte, ein Visum zu bekommen. Für Ellen hingegen möchte niemand bürgen, weshalb sie bei ihrer Großmutter bleiben muss. Ihr Vater hingegen scheint ein Nazi zu sein (wenn ich das richtig verstanden habe – würde aber Sinn ergeben, weil Ellen ständig davon spricht, nur „zwei falsche Großeltern“ haben und nicht vier). Ihre Freunde sind hauptsächlich jüdischer Abstammung und Ellen wäre so gern ein vollkommener Jude – denn sie scheint sonst nirgends hinzupassen.
Was soll ich sagen? Allein, dass ein Kind lieber ein Jude zur Zeit des Nationalsozialismus sein möchte, um nicht allein zu sein, sagt doch, wie schlimm diese Geschichte einem unter die Haut gehen wird. Mir ist sie unter die Haut gegangen und mir wird jetzt noch schlecht bei dem Gedanken daran, wie die Geschichte verläuft und letztlich endet. Aichinger hat mich bereits durch die „Spiegelgeschichte“ sehr beeindruckt und beweist auch hier, dass ihr Schreibstil unfassbar originell ist. Sie besitzt nicht nur eine bildliche Sprache, sondern beschreibt die Geschehnisse auch so, dass sehr viel Spielraum für Interpretationen bleibt. Ich kann es nur empfehlen. Ilse Aichinger ist für mich eine der besten Nachkriegsautoren, weil sie (leider) etwas sehr Authentisches mit sich bringt. Und ich werde einfach nie diesen Aussagesatz von ihr vergessen: „Der Krieg war meine glücklichste Zeit. (…) Die Kriegszeit war voller Hoffnung.“

Robert Stevenson: Der seltsame Fall von Dr. Jekyll & Mr. Hyde

Mr. Utterson versucht herauszufinden, warum sein enger Freund Dr.Jekyll einem gewissen Mr.Hyde alles vermacht, entweder wenn er stirbt oder wenn er verschwunden ist. Schließlich tritt tatsächlich der Fall ein, dass Dr.Jekyll verschwindet, aber kann er diesem grässlichen, unsympathischen Mr.Hyde das ganze Vermögen geben? Und was hat es mit dem plötzlichen Verschwinden auf sich?
Ich denke, alle, die diese Geschichte kennen, wissen, was es mit dem Verschwinden von Dr.Jekyll auf sich hat. Nicht umsonst gilt sein Werk als das bekannteste in dem Gebiet „Doppelgänger“ oder auch Multiple Persönlichkeitsstörung. (Was ziemlich spannend ist, weil dieses Werk 1886 veröffentlicht wurde und das Aufkommen von „Psychopathen“ ja gerne auf die Romantik hinweist, diese aber zu jener Zeit schon als „beendet“ galt, wenn man eine strenge Zäsur setzen möchte. Bringt mich jetzt nicht bei meinen Professoren in Verruf, ABER laut der treuen Seite Wikipedia wird dieses Werk eher dem Naturalismus zugeordnet, weil Dr.Jekyll seine inneren Triebe unterdrückt und durch Mr.Hyde eher wie ein wildes Tier handelt als mit menschlicher Intelligenz (zu dieser Zeit war Darwin sehr beliebt – also, dass Menschen eben doch von Tieren abstammen ;D)
Auch dieses Werk kann ich euch empfehlen, denn es ist eine Novelle und dementsprechend nicht gerade lang, dafür aber sehr spannend! Außerdem ist es nie schlecht, ein altbekanntes, für die Weltliteratur wichtiges Werk zu LESEN und nicht nur als Film zu sehen J

David Almond: My Name is Mina

Minas Vater ist vor kurzer Zeit gestorben. Ihre Englischlehrerin ist zwar kein Monster, will aber Minas freien Willen und ihre Liebe zum Schreiben nicht akzeptieren. Denn eine Geschichte hätte keine Seele und könne sich nicht selbst erzählen! Mina ist ganz anderer Meinung und erzählt, warum sie so sehr in Wörter verliebt ist und so gerne schreibt.
Ich liebe David Almond, ich hatte das Glück, ihn bereits persönlich kennenzulernen und kann nur sagen, dass er und seine Frau Sarah einfach großartig sind. Er besitzt eine so offene und liebevolle Art, dass man in seiner Gegenwart nicht zum Lächeln aufhören kann. Bei seiner Lesung stellte er eigentlich das Buch „The boy who swam with the Piranhas“ vor, berichtete aber auch von anderen Werken – unter anderem von MINA. Nicht nur die zehnjährigen Kinder, sondern auch ich waren hin und weg von dieser Geschichte. Jetzt hab ich sie endlich gelesen und kann sagen, jeder und jede, die das Ziel/den Traum haben, einmal mit dem Schreiben Geld zu verdienen und Geschichten zu veröffentlichen, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Es ist auch sehr schnell gelesen (da, wie gesagt, es eigentlich für Kinder ist). Was ich bei Almond allgemein sehr bewundere, ist, wie er die traurigen Schicksale seiner Hauptcharaktere einen zwar spüren lässt, aber gleichzeitig so viel Hoffnung und Glaube in einem aufbrennen lässt, dass man danach überzeugt ist, die Welt zu besiegen. Er ist einfach unglaublich und kann Träume wieder zum Leben erwecken.







Mittwoch, 10. Februar 2016

Warum ich immer nur die Schwulen liebe

Was ich euch seit Frühling 2015 schulde – 

Stell dir vor, es ist Krieg. Du wohnst in einem Land, das wegen seiner geringen Anzahl von Soldaten nicht teilnimmt. Trotzdem versuchen die Oberhäupter dieses Blutbad zu stoppen und schicken die älteren Zivilisten in das Kriegsgebiet. Entweder um den vielen Verwundeten zu helfen oder um die Drahtzieher, die diesen Krieg angefangen haben, aufzuspüren und zu eliminieren. Denn jeder muss seinen Beitrag leisten. Auch du. Nur auf andere Weise, als du dir vielleicht vorstellen kannst. Was würdest du sagen, wenn du deine Freiheit als Tribut für den Frieden eintauschen müsstest? Wenn diese Gefangenschaft Schmerz und Isolation bedeutet? Wenn du frei wärst, du aber wüsstest, dass dich der Krieg das Leben kosten könnte? Dass du bald tot sein könntest? Nun entscheide dich. Wenn du die Wahl hättest, würdest du Freiheit oder Frieden wählen?“ – Cameron (Hauer, Anna: Schneerot. In Zusammenarbeit mit Der Dritte Raum. 2015, S.52-53.)

Die junge Crys weiß, dass ihr Tod kein großer Verlust für die Menschheit wäre. Wahrscheinlich sogar noch ein Gewinn. Mit circa hundert anderen Jugendlichen sitzt sie in einer abgeschiedenen Anstalt in England fest. Es herrscht Krieg und das Militär testet Chemikalien, die verschiedene Fähigkeiten (oder auch Gaben genannt) in Jugendlichen auslösen. Sei es Gedanken lesen, in die Zukunft sehen, Telepathie, Stärke oder gar Unverwundbarkeit.
Nicht jeder Jugendliche eignet sich dazu – und genau das herauszufinden, ist Crys Aufgabe: Eignen sie sich oder nicht? Durch ihre einst injizierte Droge kann sie nicht nur erkennen, ob ein geeigneter Kandidat vor ihr steht, sondern auch, welche Chemikalie zu ihm passt.
Passt keine zu ihm, dann wars das.
Überlebt er die Nebenwirkungen der Chemikalie nicht, dann wars das.
Deswegen wird Crystal auch die Henkerin genannt.
Getrennt von den anderen wütenden Jugendlichen, welche Crys die Schuld für ihre neuen Fähigkeiten und das Festsitzen im Militär geben, sitzt sie in einer eigenen Abteilung mit drei weiteren Opfern – welche auch besondere, nützliche Fähigkeiten (mehr, als nur eine) aufweisen.
Crys hat versucht, sich gegen das Militär zu wehren und keine Entscheidungen zu treffen – doch das führte zu nichts. Immerhin würden die Soldaten sie für ihre Fähigkeiten nie töten – zu kostbar – und selbst wenn, dann würde das wieder tausend Opfer mehr bedeuten, da niemand weiß, welche Chemikalie zu wem passen könnte. Wenn überhaupt. Nach einer frischen Rebellion von Crys ist sie dazu gezwungen, nachzugeben und einen weiteren Jungen durch die Glaswand zu beobachten. Der Junge heißt Cameron und Crys teilt ihm eine Droge zu, die noch nie jemand überlebt hat. Unverwundbarkeit. Cam zeigt sich nicht nur rebellisch hinter der Wand, nein, er macht klar, dass er seine Freiheit auf eine Art beherrscht, die niemand brechen können wird. Dieses Wiedersetzen von Cam, dass sein Geist etwas ist, das nie jemand brechen könnte, weil es in seiner Hand liegt, scheint Crys neugierig zu machen. Sie will wissen, ob Cam die Droge überstanden hat und beginnt damit, in die Mensa essen zu gehen. Auf die Gefahr hin, dass Gedankenleser herausfinden, wer sie wirklich ist.
Sie findet ihn. Er hat die Injektion überstanden – und nicht nur das.
Ohne, dass Cam weiß, wer Crys wirklich ist, weiht er sie in einen Plan ein, der das Leben aller Jugendlichen in der Anstalt verändern wird. Der Plan, der als ersten wichtigen Punkt mit sich bringt, die Henkerin zu töten.
Wo soll ich anfangen? Das frage ich mich vermutlich, seitdem ich das Buch gelesen habe. Es ist wirklich nicht einfach, auf den Punkt zu bringen, wie sehr ich von diesem Roman angetan und beeindruckt war.
Sie schaffen den Ausbruch, jedoch stirbt sicher die Hälfte der Jugendliche dabei. Der Ausbruch war – glaube ich – nie wirklich DAS Problem. Schlimm wird die Flucht. Grausam wird das Erlebnis in einem endlosen Wald. Dramatisch wird die Kälte, weil sie im Winter ausbrechen. Trotz der Härte und dem möglichen Gedanken, dass die jetzt seitenlang durch den Wald laufen, um an ihr Ziel zu kommen, kann ich sagen, dass es mir nie langweilig wurde. Wenn die Charaktere gerade nicht für furchtbar viel Sarkasmus, Charme und Witz sorgen, dann meistens nur, weil sie von wilden Tieren oder den nachkommenden Soldaten angegriffen werden. Meine Faszination lag darin, Hochspannung, ernste Gefühle und philosophische Fragen miteinander verbinden zu können, ohne den roten Faden zu verlieren. Schneerot ist nicht umsonst eines meiner Bücher von 2015:

Ich möchte dieses Buch nicht mit anderen Geschichten vergleichen, weil ich auch nicht gerne mit anderen Menschen verglichen werde. Genauso wenig wie den fabelhaften Schreibstil oder die Autorin selbst. Aber „Schneerot“ ist eines meiner Bücher 2015, weil es relevante Werte vertritt, gleichzeitig eine andere Geschichte erzählt und zusätzlich von Ideen und Ausdrucksweisen explodiert, die einzigartig sind.
Vermutlich wird das eine meiner Standardbeschreibungen, aber dieses Buch ist so vielSEITIG wie die Menschen selbst. Angefangen mit dieser zerbrechlichen Liebesgeschichte, die ich in meinem Kopf immer mit einem Kolibri assoziiere, der geschmackvolle Sarkasmus, Zynismus und eine sehr sympathische (meist blauhaarige) Ironie, bis hin zur Philosophie, die einem das Denken von „Falsch“ und „Richtig“ sehr schwermachen. Und ich meine, nicht zu vergessen – ihn nicht zu erwähnen wäre ein Vergehen an alle Musikliebhaber – der blauhaarige, schwule Rockstar. Ich schwöre, ich würde sehr viel dafür geben, wenn er NICHT schwul wäre – aber das macht ihn (leider) nun mal irgendwie aus. Und da gibt es ja noch diese anderen ganz heißen Jungs – bevor ich vom Thema abkomme: Dieses Buch gehört gelesen. Um gebildet zu werden und (NATÜRLICH) allein wegen dem schwulen Rockstar.

Die Autorin Anna Hauer war 16 Jahre alt, als sie damit begann, Schneerot zu schreiben und veröffentlichte den Roman schließlich mit 20 Jahren. Es ist ihr erster Roman und ich glaube daran, dass vor allem die ersten Romane von Autoren noch mehr geschätzt werden sollten als der Rest. Vielleicht, weil man da noch jung und revolutionär ist und nicht schon so viel Abscheu, Druck und möglicherweise eine ganz andere Weltsicht in sich hat. Weil man noch eher ein wilder Sturm-und-Dränger, als ein gehobener Klassiker ist. Ich kann euch nur raten, auf so etwas zu achten, zwischen dem ersten und dem letzten Werk liegen meistens Welten. Deswegen bin ich auch schon sehr gespannt, wie sich die Geschichten von Hauer weiterentwickeln und was sie noch mit sich bringen werden. Ihr Schreibstil ist flüssig, individuell und hat echtes Suchtpotenzial. Was ich ebenfalls nicht oft genug loben kann, ist die Recherchearbeit, die die Autorin geleistet hat, wofür ich sie sehr bewundere. England bekommt eine sehr, sehr kalte und einsame Ausstrahlung verliehen, passend zu einem Weltkrieg.
Den Charakteren von Schneerot bin ich sehr verfallen und sie sind mir sehr ans Herz gewachsen, obwohl sie alle so unterschiedlich sind wie Schneeflocken, was durch die verschiedenen Sichtweisen stark verdeutlicht wird. Jeder Charakter hat seine eigene Stimme, beinahe eine eigene Art des Schreibstils. Eine Abwandlung, die dafür reicht, die Charaktere differenzieren zu können. Verschiedene Sprachen bei verschiedenen Menschen zu verwenden ist oft nicht gerade leicht, da viele dazu neigen, sie am Ende zu verwischen oder gar nicht erst zu trennen. Wobei ich bei Schneerot eher das Gefühl hatte, dass sie sich vor allem am Ende noch mehr spalten und unterscheiden.
Eine besondere Vorliebe habe ich für Neptune entwickelt. Ja, er ist schwul, hat blaue Haare und ist ein Rockstar. Mein Herz schlägt einfach für Schwule, denn bei Magnus Bane von Cassandra Clare erging es mir ähnlich. (Ja, jetzt krieg ich die Vorstellung von Magnus Bane und Neptune nicht mehr aus meinem Kopf, ich meine, kein Raum der Welt – vermutlich nicht einmal die Welt selbst – wäre groß genug für das Ego der beiden) Jedoch glaube ich, dass meine Faszination/Vorliebe weniger mit der Homosexualität zu tun hat, als wie viel mehr mit dem selbstbewussten, zu sich selbst stehenden Charakter. Neptune ist mein Held, weil er einen Keks auf die Meinung anderer gibt (eher einen Mittelfinger oder einen zynischen Kommentar, die Kekse isst er vermutlich selbst). Ich bewundere ihn wirklich sehr.
Da ich eine sehr ehrliche Person bin, möchte ich euch die wenigen Kanten, die noch geschliffen werden könnten, nicht verwehren. Einer der kleinen Nebencharaktere muss zweimal dran glauben – was einen eher zweimal das Herz bricht, als dass es einen ärgert. Selten schleichen sich kleine Rechtschreibfehlerchen und ein oder zwei grammatische Fehlerchen ein – but who cares (außer der werdenden Deutschlehrerin). Und seien wir uns mal ehrlich, die meisten Autoren, die bei einem Verlag unterworfen worden … eh … eingestellt sind, wären ohne ihren Lektoren vermutlich echt am Ende (siehe die eigene Geschichte zwischen Thomas Bernhard und Komma setzen – nichts gegen Thomas Bernhard, ich bin wahnsinnig von ihm angetan und fühle mich noch besser, wenn ich weiß, dass es großartige Autoren gibt, die nicht perfekt in Deutsch sind, was mich selbst sehr in meinem Tun bekräftigt).
Wie ihr wahrscheinlich bemerkt habt, habe ich die Fehler zwar aufgezählt, aber zugleich verteidigt, was sich für eine objektive Meinung vermutlich nicht gehört. Aber verliebt ist nun mal verliebt, beeindruckt ist beeindruckt und es sind einfach keine Gründe, um auf diesen Roman zu verzichten.

In diesem Buch ist für jeden etwas enthalten. Sei es der Science-Fiction-Roman mit einer negativen Vorstellung der Zukunft, eine zärtliche Liebesgeschichte, schwarzer Humor, Ironie, Sarkasmus, Zynismus oder die philosophische Seite und das Beeinflussen der Gedanken eines Lesers über „Falsch“ und „Richtig“ - oder einfach ein blauhaariger, schwuler Rockstar, der alle mit seinem Selbstbewusstsein noch in den Wahnsinn treiben wird.
Das Buch gehört gelesen. Allein wegen dem schwulen Rockstar.


Ja, ich kann nicht oft genug betonen, wie grandios Neptune ist. Ehrlich jetzt – allein wegen ihm zahlt sich der Roman aus!



Anna Hauer, 1994 in Österreich geboren, studiert mit unglaublicher und riesiger Leidenschaft BWL in Linz. Weil - Künstlerin is' sie ja schon (siehe links).


Samstag, 6. Februar 2016

Schräger Jänner

J Ä N N E R

Der Monat ist irgendwie sehr schräg, was meine gelesenen Bücher angeht. Ein Kinderbuch, ein Erotik/Young Adult-Roman und Doderer.
Und, wie war euer Jänner?

Heimito von Doderer: Die Wasserfälle von Slunj.

Die Wasserfälle von Slunj zusammenzufassen ist wie die ganze Handlung von Game of Thrones in einem Satz klarmachen zu müssen. Ja, in einem vermutlich riesigen Matrixsatz.
Die Wasserfälle von Slunj zeigen sehr viel österreichischen Charakter, der auch heute noch besteht – und das, obwohl die Handlung fast vor hundertfünfzig Jahren spielt. Ich kann zwar nachvollziehen, warum Kritiker meinen, Doderer schreibe Heimatromane, aber trotzdem denke ich, dass sie seine Romane eher überflogen als wirklich gelesen haben. Ich habe mich wahnsinnig in Doderers Schreibstil und die Art, Geschichten zu erzählen, verliebt, jedoch war es manchmal so anstrengend und kompliziert zu lesen, dass ich mich am liebsten eingegraben hätte. Angefangen zu lesen habe ich es, weil mich ein Professor sehr neugierig auf die Geschichte gemacht hat und meinte, für Einsteiger eigne sich dieses Werk am besten. Und das ängstigt mich etwas vor der „Strudlhofstiege“, da ich jetzt schon fast nicht mitgekommen wäre.
Der allwissende Erzähler ist meist etwas zynisch veranlagt und hat eine sehr witzige, gar charmante Art, groteske Geschehnisse zu erzählen. Vermutlich auch ein Österreicher.
Was mich an Doderer so beeindruckt, ist, dass er einen Plan hat und dass man weiß, dass er einen Plan hat, der undurchschaubar wirken könnte. Jedoch gibt er immer wieder kleine Hinweise darauf, wie es enden wird – was mich sehr beeindruckt hat. Ich arbeite übrigens an einer guten Zusammenfassung der Geschichte, doch bei so vielen Charakteren weiß ich gar nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Da das Werk aber für meine Prüfungen relevant ist, werde ich es definitiv zusammenfassen und vielleicht mich daran wagen, einige Aspekte herauszuheben und zu interpretieren.
Aber ihr kennt meine Versprechungen. Ich brauche ewig, um sie einzulösen. 

So, jetzt werde ich versuchen, GANZ KURZ darzustellen, um was es in diesem Werk geht. Es beginnt damit, dass Robert und Harriet sich auf ihre Hochzeitsreise nach Slunj begeben, wobei sie den Semmering mit dem Zug überqueren müssen. Wir schreiben in etwa 1870, damals war Zugfahren vermutlich wirklich noch ein riskantes Abenteuer - vor allem, weil wohl für lange Zeit nie klar war (Semmeringbahn gibt es seit 1841), ob der Zug die Steigung schaffen wird. Diese Aspekte tauchen in Doderers Werk immer wieder - steigen, senken, fallen. Das Ehepaar zeugt in Slunj einen Sohn, Donald, welcher beinahe seine ganze Kindheit in England bei seinem Großvater verbringen muss, während seine Eltern in Wien leben. Denn Robert baut sich auf Wunsch des Vaters ein Ingenieurwesen in Wien auf.
Doderer erzählt das Leben vieler Charaktere, wobei Robert und Donald sicher die wichtigsten Rollen spielen (auch wenn sie nicht so oft vorkommen). Spannend dabei ist, wie die Menschen zueinander finden und wiederum mit bereits aufgetretenen Personen schon einmal aufgetreten sind. Darauf muss man jedoch selber kommen, der allwissende Erzähler stellt selten klar, wer jetzt mit wem schon mal. Das macht es sehr komplex, aber meiner Meinung nach erst Recht lesenswert. Es fordert Konzentration, aber es zahlt sich aus.

Abbi Glines: Just for Now.

Nope. Will nicht darüber reden. Schön, dass Amanda und Preston zueinander gefunden haben und seine Mutter … ja, eh, Spoiler. Und ja, ich bin wieder am Moment angelangt, wo ich mir denke, Abbi Glines kommt für eine sehr lange Zeit nicht mehr in mein Bücherregal! (und die Geschichten um Rush, Woods und Grant waren zwar manchmal auch zum an-die-Wand-schmeißen, aber Sea Breeze ist manchmal noch schlimmer)
Amanda bleibt zuhause, um sich um ihre Mutter zu kümmern – aber eigentlich, weil sie sich nicht von Preston entfernen möchte. Auch dieser hat es nicht gerade leicht mit seiner Familie, denn er muss sich um seine drei kleinen Geschwister kümmern, da seine Mutter grundsätzlich auf Drogen oder alkoholisiert ist. Ich muss sagen, vielleicht schaffe ich es irgendwann wirklich, Abbi Glines in englischer Version zu erleben, denn ein Gefühl sagt mir ständig, dass die Übersetzerinnen es sich vielleicht etwas einfacher machen. Wofür die Übersetzerinnen aber sicher NICHTS können, ist, dass Amanda im Sadie-Teil noch unqualifiziert, naiv und „leicht zu haben“ wirkte (was sie mir durch ihren Jax-Wahn und dem großen Interesse am High-School-Schwarm vermittelte – der nicht Preston war), während sie bei „Just for Now“ wie das liebste und klügste Mädchen überhaupt wirkt. Ja, vielleicht hat sie ihre Oberfläche versteckt. Vielleicht wusste Glines aber auch noch nicht, dass einer ihrer Nebencharakter wieder mal zum Hauptcharakter wirkt. Auch bei Preston hatte ich in den anderen Teilen nicht den Eindruck, den er mir in dieser Geschichte vermittelt hat.
Jedoch war ihre „Rosemary Beach“-Reihe – wenn man von dem übertriebenen Drama einmal absieht und davon, dass ich eine ganz andere Vorstellung von Jungs habe, als anscheinend Abbi Glines – trotzdem realistischer. Vor allem Grant und Harlow sind ihr wirklich gut gelungen – vielleicht, weil Grant einmal nicht das typische Arschloch, sondern ein Mann mit nachvollziehbaren Gefühlen ist. Auch Woods und Della fand ich nie schlecht. Und was ihr bei dieser Reihe definitiv besser gelungen ist, ist, den Nebencharakteren von Anfang an eine fixe Form zu geben.

Janine Wilk: Lilith Parker. Die Insel der Schatten.

Ich wollte schon sehr lange etwas von Janine Wilk lesen und habe es immer noch nicht geschafft, „Im Reich der Tränen“ zu bestellen. Da ich (LEIDER) zuerst meine ungelesenen Bücher abarbeite, bevor ich mir dieses Jahr ein neues Buch kaufe, wird das auch so schnell nicht passieren. Trotzdem hatte ich das Glück, mir eines ihrer Bücher in der Stadtbibliothek ausleihen zu können.
Wilk glänzt mit einem umwerfenden, bildlichen, flüssigen Schreibstil, der einem den Atem anhalten und vergessen lässt, dass man gerade ein Buch liest. Was mich sehr, sehr glücklich macht, ist, dass es sich hier um einen Fantasy-Roman handelt, der einzigartig ist und sich definitiv nicht vergleichen lässt. Ich bin jetzt 20 Jahre alt und war sehr beeindruckt von der Geschichte um Lilith und ihr Familiengeheimnis, das Ende hängt immer noch über mir wie ein tiefer, bedrückender Schatten. Außerdem zählt Lilith Parker definitiv zu den Büchern, bei denen ich mir wünsche, ich hätte sie als Elfjährige lesen können – dieses Abenteuer hätte mich vermutlich verschlungen und noch mehr dazu inspiriert, selbst Geschichten zu erfinden. Ich freue mich schon sehr darauf, die nächsten Abenteuer von Lilith begleiten zu können.
Im ersten Band muss die zwölfjährige Lilith schweren Herzens zu ihrer Tante umziehen, da ihr Vater seit langem einen Ausgrabungsauftrag bekommen hat. Ihr neues Zuhause soll Bonesdale sein, das nicht nur abgeschieden von der ganzen Welt zu sein scheint, sondern wo das ganze Jahr lang Halloween ist. Und das hat auch einen Grund: Die Einwohner auf Bonesdale sind Nocturi, Nachtwesen – von Hexe, Geisha, Sirene bis hin zu allen bekannten Fabelwesen und Lilith steckt mitten drinnen, um ihr Familiengeheimnis zu lösen.








Dienstag, 5. Januar 2016

In die Tiefen

"Sie wollte hier A L L E I N sein. Dazu kam sie herüberBegreiflicher Wunsch, dieses zeitweilige Alleinsein, wird man sagen; den meisten Ehefrauen bleibt er freilich unerfüllt. Sie haben kein Haus außer dem Hause, kein Kastell. Und Harriet hat zunächst auch nichts damit anzufangen gewußt, erst später. Jener Wunsch nach Alleinsein bleibt überhaupt fragwürdig, denn niemand vermag sich mit der Einsamkeit ein vorübergehendes Verhältnis anzufangen."
- Heimito von Doderer: Die Wasserfälle von Slunj. Roman. 23. – 25. Tsd. der Gesamtauflage. München: Beck, 1995, S.137. 


Montag, 4. Januar 2016

2015

In diesem Jahr habe ich es gerade einmal geschafft, 35 Bücher zu lesen. Mit Abstand die besten waren Schneerot von Anna Hauer, Solitaire von Alice Oseman und Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier.
Zu Schneerot schulde ich euch immer noch eine Rezension, auch Solitaire und Nachtzug nach Lissabon würde ich gerne näher behandeln. Wobei Nachtzug nach Lissabon an manchen Stellen sehr schwierig für mich zu lesen war – aber es ist so schön, das Buch ist so verdammt schön, dass ich weinen könnte. Es ist eine unfassbare Geschichte. Auch Solitaire war eine zum Teil ungute, schöne, katastrophale Erfahrung. Das Buch hat mir viele Nerven und Gedanken gekostet und mich immer wieder vor die Frage gestellt, ob ich mit sechzehn/siebzehn nicht genau so war wie die Protagonistin.
Schneerot ist einerseits mein Liebling, weil es mir durch eine – eh, ja nennen wir es mal schwierige Zeit – half und mich sehr vor den Kopf warf mit der Wandlung und Entscheidungen von Personen. Alle drei haben sicher die Gemeinsamkeit, einen nachdenken zu lassen und das ist und bleibt immer einer der wichtigsten Faktoren für mich bei Büchern.
Daher gehört auch Marlene Streeruwitz eigentlich zu den Favoriten, sowohl mit Nachkommen, als auch mit Majakowskiring. Sie hat eine ganz eigene Art zu schreiben, die mir sehr viel über meine Art zu schreiben beigebracht hat. Auch hat sie Gedanken in ihren Büchern formuliert, die mich nicht nur angesprochen haben, sondern auch beeinflusst haben. Vor allem in der Genderfrage.
Richtig enttäuscht war ich von „Too late“ von Valentina F. Ihre Buchreihe hat mich als Vierzehnjährige dazu überzeugt, dass ich Kussszenen schreiben kann und ich hab die drei Bücher zuvor mit Vale sehr genossen. Entweder fiel mir als Neunzehnjährige der Bezug oder ich fand es einfach schrecklich, wie (SPOILER) jeder jeden betrügt. Und ich weiß ganz genau, mein Vierzehnjähriges-Ich hätte das nicht verkraftet. Ich war echt nicht angetan davon und das sage ich nicht oft von einem Buch.
Kissing the rain von Kevin Brooks brach mich am Ende auseinander. Er ist und bleibt ein gemeines Dilemma-… ein gemeiner Dilemma-Mann. Aber die Handlung selbst zog sich an einigen Stellen.
Und alle so yeah! war verstörend. Und eine Gefühlsschwankung zwischen „Mag ich die Hauptperson oder nicht?“ Übrigens bin ich mir jetzt noch nicht im Klaren, aber selbstmitleidige Protagonistinnen haben es immer schwer mit mir – trotzdem finde ich, dass Martins einen sehr, sehr erfrischenden und angenehmen Schreibstil hat. Sie kann Dialoge einfach auf den Punkt bringen und ich habe mich sehr verstanden gefühlt, bei dem „Was mache ich nach der Schule?“ – Gefühl.
Über Abbi Glines werde ich sicher noch einen Post verfassen. Ich schließe ihre Charaktere einfach zu schnell ins Herz. Echt. Zu schnell. Außerdem sind sie zwischen Uni-Literatur DIE Ablenkung.
Überrascht haben mich „Nathan der Weise“ und „Ein Zimmer für mich allein“.Where she went“ brach mir das Herz. Aber Forman scheint ein Talent darin zu haben.
Traurig macht es mich etwas, nichts von Cassandra Clare gelesen zu haben. Aber nachdem ich die englische Fassung von „City of Heavenly Fire“ gelesen hatte, ließ ich die deutsche auf der Seite. Und ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich nun schon auf die Geschichte von Emma freue!
Wen ich 2016 unbedingt lesen möchte: Anna Hauer, Alice Oseman, Cassandra Clare, Marlene Streeruwitz, Kevin Brooks und Ilse Aichinger.
Was ich 2016 unbedingt lesen möchte: Der Schatten des Windes, Sterben, The moon and more, Splitterherz, Homo faber, Sophies Welt, Stiller, Throne of Glass und vielleicht endlich aufhören mich zu schämen und die Harry Potter-Reihe zu Ende bringen. 


Und hier im Überblick nochmal alle Bücher :) :

Marlene Streeruwitz: Nachkommen.
Valentina F.: Too Late
Gayle Formann: Where she went
George R. R. Martin: Das Erbe von Winterfell
Anna Brocks: Das Mysterium der Wölfe – Reise zu Kyrion
Michael Köhlmeier: Dein Zimmer für mich allein
Kerstin Gier: Saphirblau
Giulia Enders: Darm mit Charme
Lessing: Nathan der Weise
Abbi Glines: You were mine
Grillparzer: Der arme Spielmann
Christoph Eichhorn: Classroom Management  
Bernd Ingmar Gutberlet: Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte      
Anna Hauer: Schneerot
Alice Oseman: Solitaire
Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln
John Green: Paper Towns
Simone Elkeles: Herz verspielt
Marlene Streeruwitz: Majakowskiring.               
Tom Ellen & Lucy Ivison: Sannah &Ham
Kai Lüftner: Das Kaff der guten Hoffnung (Eins + Zwei)
Hartmann von Aue: Der arme Heinrich
Rebekka Martins: Und alle so yeah!
Kevin Brooks: Kissing the rain
Rebecca Pax: Das Herz der Harpyie                       
Brynjulf Jung Tjonn: Mein Herz hämmert, dass es wehtut                                                        
John Bunzl: Der Aufstand – Palästinensische und israelische Stimmen zur Intifada
Abbi Glines: Breath, Because of Low, While it lasts
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon
Vera Kissel: Die Glückssucher
Green, Myracle, Johnson: Tage wie diese

Montag, 28. Dezember 2015

Cheer-Kitschig

Ich habe mit dem Buch angefangen, weil ich wusste, dass es um Weihnachten geht und ich mich darum bemüht habe, mich in Weihnachtsstimmung zu bekommen. Es hat sehr dabei geholfen, was an dem vorkommenden Schneesturm liegt, weswegen absoluter Ausnahmezustand herrscht. Die Kälte, das Beisammensein, die Liebe und dieser besondere Weihnachtszauber waren mir beim Lesen sehr nahe.


Green, Myracle und Johnson schreiben drei unterschiedliche Geschichten, die alle drei in Gracetown spielen und im letzten Teil auch zusammenfinden. Es gleicht einem wahren Weihnachtswunder.

Angefangen hat Johnson, was mich sehr gefreut hat, denn ich wollte schon lange mal etwas Eigenes von ihr lesen, da sie Cassandra Clare bei den Kurzgeschichten über Magnus Bane unterstützt hat. Ihre Geschichte ist das perfekte Beispiel für Liebe auf den Ersten Blick. Ich glaube eigentlich nicht daran, so absolut gar nicht und ich finde es auch immer noch kitschig, wie die Beiden zusammen gefunden haben. Aber Gott, ich bin so froh über das Ende dieser Geschichte. Außerdem ist Jubilee durch ihre naive und leicht perfektionistische Art wahnsinnig lieb und sympathisch. 

Die zweite Geschichte handelt hingegen von einem Jungen und ist auch vom einzigen männlichen Autor dieses Dreiergespanns - John Green. Und man merkt sofort, dass es von ihm ist. Wer käme sonst auf die Idee einem Mädchen einen männlichen Spitznamen zu geben? Dass Menschen eine Twister-Matte den Hügel runterrutschen und fast von einem Fass Bier getötet werden? Ich weiß nicht, warum. Aber Herzog und Tobin hätten Margo und Quentin sein können. Eine sehr unschuldige Margo. Eine wirklich sehr unschuldige und liebe Margo, die gerne zuhause sitzt. Tobin und Quentin passten da schon eher zueinander. Auch Miles aus "Eine wie Alaska" könnte sich zu den Beiden hinzugesellen. Ich finde, sie sind sich alle etwas ähnlich, was aber für John Green spricht, denn damit verpasst er seinen Charakteren (und auch seinen Geschichten) eine persönliche Marke. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich Protagonisten ähneln. Das ist mir lieber als ein nicht authentischer Hauptcharakter. 

Die letzte Autorin, Lauren Myracle, sagte mir gar nichts. Ich finde, sie hatte von allen dreien das schwierigste Thema. Nicht Liebe auf den ersten Blick, nicht Liebe auf den zweiten Blick, sondern eine Liebe, die gebrochen war und nicht nach Heilung Ausschau hielt, sondern im Selbstmitleid badete. Trotzdem schaffte sie es, dass Addie einem sofort sympathisch ist. Ich musste sehr damit kämpfen, dass sie von ihren Freunden ständig als Egoman beschimpft wurde, weil sie sich im ihren Inneren wirklich wahnsinnig bemühte. Dafür möchte ich ein großes Lob aussprechen, denn Myracle schafft es, dass alle Menschen um Addie herum sie als schlecht und negativ darstellen, ohne, dass es zu gekünstelt wirkt. Denn ich finde es sehr schwer, eine Protagonistin sympathisch wirken zu lassen, wenn der Rest der Welt sie am liebsten gerade in den Arsch kicken würde. Die Geschichte hat mich von allen Dreien wahnsinnig berührt, auch wenn das Ende viel zu schnell war und Jeb ihr einfach das Fremdgehen verziehen hat, als wäre es Nichts. Generell wird in allen Geschichten sehr leicht mit den Gefühlen umgegangen, was einerseits an den jungen Jahren der Protagonisten oder an den wenigen Seiten der Geschichten liegen kann. Denn von John Green bin ich definitiv Anderes gewohnt. Da es aber um Weihnachten geht und ich die Geschichten wahnsinnig schön finde und mir den Zauber an Wunder gaben, drücke ich nochmal ein Auge an den knappen Gefühlen zu. 
Bei der Übersetzung bin ich immer noch etwas am Zweifeln. Einerseits finde ich nämlich, dass sich die Geschichten wahnsinnig ähneln, was den Schreibstil angeht, andererseits haben sie alle eine gewisse Eigennote. 

Zusammengefasst - es sind wundervolle Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem alle liebevoll und sehr aufregend zu lesen sind. 
Also falls ihr noch Weihnachtsstimmung braucht, schnappt euch das Buch. 



Übersetzerin: Barbara Abedi
Englisch: Let it snow

Sonntag, 27. Dezember 2015

JUVENTUDE IMORTAL.

Juventude Imortal. Unsterbliche Jugend. In der Jugend leben wir, als seien wir unsterblich. Das Wissen von der Sterblichkeit umspielt uns wie ein sprödes Band aus Papier, das kaum unsere Haut berührt. Wann im Leben ändert sich das? Wann beginnt das Band, uns enger zu umschlingen, bis es uns am Ende würgt? Woran erkennt man seinen sanften, doch unnachgiebigen Druck, der uns wissen läßt, daß er nie mehr nachlassen wird? Woran erkennt man ihn bei den anderen? Und woran bei sich selbst?*

Und nachträglich wünsche ich euch Frohe, besinnliche, glückliche und sonnige Weihnachten.

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*Mercier, Pascal: Nachtzug nach Lissabon. Roman. München u. Wien: Carl Hanser, 2004, S.271.